#writemethecreeps – eine gruselige Kurzgeschichte

»Mortiá, Göttin der Unterwelt, verbannt in den Ruinen von Lias Turú, fristet sie ihr Dasein nur mit einer Laterne, die sie an ihre eigene Unsterblichkeit erinnert, und einer Kreuzspinne, die sie zur treuen Dienerin machte. Viele Jahre wandelt sie in den Ruinen ohne die Aussicht auf Erlösung. Doch einmal im Jahr, wenn die Mauer zwischen der Unterwelt, der Oberwelt und der Überwelt so hauchdünn ist wie ein Blatt Papier, wittert sie den Geruch von Freiheit, den Geruch von Chaos und Zerstörung. Und mit jedem Jahr kommt sie ihrem Ziel einen Schritt näher, bis in einer Samhain-Nacht, in der der Blutmond thronte, die Erde bebt und den letzten Rest der magischen Barriere einreißt.«
Das Mädchen hält inne. Die Erde bebt, Gläser vibrieren, und ehe die zwei Kinder reagieren können, schläft die Erde wieder den Schlaf der Seligen. Der Vollmond leuchtet rötlich durchs Fenster und schenkt dem Zimmer ein unheimliches Licht, das nur vom Strahl der Taschenlampe besänftigt wird.
»Das war jetzt unheimlich«, flüstert der Junge und starrt das Mädchen mit großen Augen an.
Der Junge schluckt. »Warum erzählst du so etwas Unheimliches?«
»Es ist Samhain und wolltest eine Gruselgeschichte.« Das Mädchen verschränkt trotzig die Arme.
»Na ja, aber ich dachte, jetzt kommt irgendwas mit einer Hexe, die in ihrer Kürbiskutsche sitzt und eine Kathedrale ihr Eigen nennt.«
Das Mädchen prustet. »Eine Kürbiskutsche? Und das nennst du Gruselgeschichte?«
Der Junge senkt seine Stimme. »Um den Hals trägt sie ein magisches Amulett, mit dem sie an Samhain um Mitternacht Tote zum Leben erwecken kann.«
»Langweilig!«
Der Junge atmet resigniert aus. »Dann erzähl du doch deine Geschichte weiter.«
»Es ist keine Geschichte«, flüstert das Mädchen und lächelt.
»Aus den Ruinen von Lias Turú, aus dem Keller des Grauens, aus den Tiefen der Unterwelt, steigt Mortiá empor und durchbricht den Vorhang, der die Welt der Lebenden von der der Toten trennt.«
»Jetzt wird’s aber sehr dramatisch«, sagt der Junge und zieht die Decke ein Stück höher.
Das Mädchen trägt nach wie vor das undurchschaubare Lächeln, ihre Augen mit dem Licht des Wahnsinns durchzogen, das die Lampe noch verstärkt.
»Jahrelang hat sie die Kreuzspinne ausgebildet, nun ist sie ihr Kompass in einer Welt, die sie so sehr vermisste, nach der sie sich so sehr sehnte. Sie saugt den Geruch des Lebens ein, ihre Fingerspitzen kribbeln unter der dunklen Magie und die Vorfreude auf die Verwüstung, die sie bereits deutlich vor sich sieht, steigt. Doch vorab hat sie noch eine Aufgabe.«
Die Erde bebt ein weiteres Mal, der Junge stößt einen schrillen Schrei aus und zieht die Decke bis über die Nasenspitze. »Jetzt ist es bald nicht mehr lustig.«
»Nein, ist es nicht.«
»Wie wäre es doch mit meiner Geschichte über die Kürbishexe und die Villa?«, fragt der Junge.
»Ich dachte, sie nennt eine Kathedrale ihr Eigen?«
Der Junge zuckt mit den Schultern. »Dann eben die Kathedrale.«
»So funktioniert das nicht«, sagt das Mädchen. »Jede Geschichte enthält einen wahren Kern, du kannst sie nicht so leichtfertig verändern.«
»Es sind doch nur Geschichten.«
»Sagst du.« Das Mädchen grinst. »Geführt von der Kreuzspinne klettert Mortiá über die Friedhofsmauer und beschafft sich ein Heer aus Untoten, die sich vor ihr verneigen. Aus ihren Knochen erschafft sie den Kessel der Macht, mit dem sie durch die Magie des Blutmonds den treuen Gefährten aus seiner Verbannung befreit. Nur er ist in der Lage, die unschuldigen Kinder zu finden.«
Der Junge reißt die Augen auf. »Hör jetzt auf damit!«
»Dafür ist es zu spät.«
Ein weiteres Beben erschüttert die Erde, ein kalter Luftzug schmiegt sich an die Kinder. Der Junge springt auf, deutet blass in die Ecke des Raumes, aus der sich eine Gestalt löst. So kühl und schön wie der Tod selbst, mit Hörnern, die in die Höhe ragen. Die Ketten der Gefangenschaft rasseln.
Ihre Worte klirren in den Gedanken des Jungen. »Die unschuldigen Seelen der Kinder werden in die Kanalisation der Unterwelt gebracht und finden dort ihr Ende, damit sich die Finsternis erheben kann. Wie vor der Zeit meiner Verbannung.«
»Wie … wie ist das möglich? Es ist nur eine Geschichte.« Panik durchzieht die Stimme des Jungen.
»Ich bin keine Geschichtenerzählerin«, sagt das Mädchen gelassen.
Mortiá neigt den Kopf, Stolz blitzt in ihren Augen auf. »Sie ist die Wahrheitserzählerin. Ihre Geschichten werden zur Wirklichkeit.«
»Und du wolltest eine Gruselgeschichte.« Das Mädchen lächelt und der Rabe, ihr treuer Gefährte, setzt sich auf ihre Schulter. »Ohne Happy End.«

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